Nachgefragt: Sind wir an den Minuszinsen etwa selbst schuld?

Nullzinsen herrschen praktisch schon fünf Jahre lang, und diese Phase könnte noch Jahrzehnte andauern. Sparern droht ein dramatischer Wertverlust – und manche meinen, dass sie dazu selbst beigetragen haben. Doch es gibt noch einen Ausweg.

Realismus erfasst allmählich die deutschen Sparer. Bei einer repräsentativen Umfrage von Union Investment erwarteten zu Beginn des Jahres noch 25 Prozent steigende Zinsen. Inzwischen ist dieser Wert auf neun Prozent gefallen. Dagegen rechnet nun jeder Fünfte sogar mit weiter fallenden Zinsen, das sind mehr als doppelt so viele wie zuletzt.

Und das ist nur eine kurz- bis mittelfristige Betrachtung. Das wahre Ausmaß des Zinsdebakels ist noch weitaus größer. Inzwischen gehen immer mehr Experten von vielen Jahren, sogar Jahrzehnten ohne Zinsen aus.

Über die Frage, wer daran schuld ist, wird viel gestritten. Die Notenbanken? Die Politik? Vielleicht die Bürger selbst? Sicher ist jedoch: Bezahlen müssen das jene, die ihr Geld nach wie vor auf Tagesgeldkonten belassen.

Seit dreieinhalb Jahren liegt der Leitzins in der Euro-Zone nunmehr bei null, davor stand er anderthalb Jahre bei 0,05 Prozent – praktisch herrschen also bereits ein halbes Jahrzehnt lang Nullzinsen.

Für Banken gilt inzwischen sogar ein Einlagenzinssatz von minus 0,5 Prozent, den sie berappen müssen, wenn sie überschüssiges Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken wollen. Und immer mehr Institute denken derzeit darüber nach, diesen Minuszins an die Sparer weiterzugeben.

Fast noch schlimmer ist, dass sich daran auch auf viele Jahre hinaus nichts ändern wird. Joachim Fels, ökonomischer Berater bei Pimco, dem größten Anleihemanager der Welt, hält es für ziemlich sicher, „dass negative Zinsen und Anleihekäufe noch lange bestehen bleiben“.

Der Vermögensverwalter Bert Flossbach sagt noch kategorischer: „Eine Zinswende zu deutlich höheren Zinsen wird es nicht geben.“ Und Mark Burgess, stellvertretender Chefanlagestratege bei der Investmentgesellschaft Columbia Threadneedle, sieht sogar Jahrzehnte niedriger Zinsen vor uns.

„Wir gehen davon aus, dass der Euro-Zone eine lange Niedriginflationsphase bevorsteht, die von geringen Wachstumsraten begleitet wird, was einen nennenswerten Anstieg der Zinsen in den nächsten zehn bis 20 Jahren verhindert“, sagt Burgess.

Schuld ist auch die hohe Sparneigung

Daran sind natürlich die Zentralbanken schuld, welche die Zinsen auf dieses Niveau gedrückt haben. Dennoch hält man sie beispielsweise bei Pimco eher für die Opfer als die Täter. Sie reagierten nur auf zwei langfristige Triebkräfte: die demografische Entwicklung und die Technologie.

Die zunehmende Lebenserwartung erhöhe die Sparneigung, gleichzeitig brauchten moderne Technologiekonzerne nicht mehr so viel Kapital wie Industriebetriebe in früheren Zeiten – das Verhältnis von Ersparnissen zu Krediten sei also gekippt, diese „Ersparnisflut“ führe dazu, dass den Regeln von Angebot und Nachfrage folgend die Zinsen immer tiefer sinken.

In gewissem Sinne wären die Bürger also selbst schuld an den niedrigen Zinsen, weil sie zu viel sparen und zu wenig Kredite aufnehmen.

Dieser Gedanke, den auch schon der ehemalige Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke, äußerte, stößt jedoch vor allem bei deutschen Ökonomen auf Kritik. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, erkennt zwar beispielsweise an, dass der natürliche Zins, der auf Angebot und Nachfrage basiert, gefallen sein mag. „Der Rückgang des Realzinses ist aber mit verursacht durch Zentralbanken wie die EZB, die darauf mit einer weiteren Lockerung ihrer Geldpolitik reagiert.“

Das Entscheidende ist letztlich aber auch nicht, wer schuld ist. Denn selbst Krämer stellt ganz realistisch fest: „Der EZB-Zins dürfte viele Jahre nicht steigen.“ Für Sparer kann das möglicherweise noch zwei Jahrzehnte währende Zinsgrauen einen dramatischen Wertverlust bedeuten.

Reinhard Panse, Chefanlagestratege beim Vermögensverwalter HQ Trust, rechnet beispielsweise für Anlagen in deutsche Staatsanleihen über die nächsten zehn Jahre mit einem jährlichen Verlust von 2,2 Prozent, nach Abzug von Inflation und Steuern. „Das ist noch der Best Case, da die Probleme der Euro-Zone nach wie vor nicht geklärt sind.“ Solche Anleihen sind vor allem in Lebensversicherungen enthalten.

Quelle: Infografik WELT

Draghi wiederum hat bei seiner letzten Pressekonferenz recht klar skizziert, worin er einen Ausweg sähe. „Es ist höchste Zeit, dass die Fiskalpolitik Verantwortung übernimmt“, sagte er und betonte, dass man sich darüber im Rat der EZB absolut einig sei – im Gegensatz beispielsweise zu den Zinsentscheidungen.

Und er zielte dabei vor allem auf Deutschland, denn Länder mit Handlungsspielraum im Haushalt seien gefordert, „wirksam und rechtzeitig“ zu handeln. Deutschland, das seit Jahren Haushaltsüberschüsse verzeichnet, hat diesen Spielraum, nutzt ihn aber nicht für höhere Staatsausgaben.

Genau dies würde jedoch helfen, das Zinsniveau mittelfristig zu heben, ist Draghi offenbar überzeugt, denn er verwies explizit auf „andere Regionen“, wo eine andere Fiskalpolitik zu höheren Zinsen geführt habe. Gemeint sind die USA, wo der Staat hohe Haushaltsdefizite macht – in diesem Jahr sind es mehr als fünf Prozent der Wirtschaftsleistung – , die Zinsen aber auch deutlich höher sind als in der Euro-Zone.

Quelle: Infografik WELT

Doch die Chancen, dass Deutschland sich von der schwarzen Null verabschiedet, scheinen derzeit sehr gering. Und damit ist auch die Chance, dass sich an der EZB-Politik etwas ändert, gleich null. Sie wird weiter mit Minuszinsen und Anleihekäufen agieren – Pimco-Berater Joachim Fels spricht bereits von „Anleihekäufen auf ewig“.

Sparer können das beklagen, das hilft ihnen jedoch nicht weiter. Stattdessen sollten sie den Realitäten ins Auge sehen und reagieren. Mark Haefele, Chefanlagestratege bei der Vermögensverwaltung der UBS, verweist dabei auf das Potenzial von Aktien.

Zwar schneiden diese historisch gesehen in 43 Prozent der Handelswochen schlechter ab als Cash – und genau das ist es auch, was die meisten Sparer abschreckt. „Aber historisch betrachtet ist diese Gefahr auf Sicht von 20 Jahren bei null.“ Das ist genau der Zeitraum, um den es geht, jene zwei Dekaden mit Nullzinsen, die noch vor uns stehen.

Allerdings ist das bei den Sparern nach wie vor nicht angekommen. Der Umfrage von Union Investment zufolge haben derzeit 46 Prozent der Befragten keine Lust, verschiedene Anlageformen miteinander zu vergleichen, und weitere 41 Prozent halten es für sinnvoll, erst einmal weiter abzuwarten. Das kann allerdings teuer werden.

Quelle: welt.de

 

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Andrea Mannel
 

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